Ersatz

erstellt von Manuel Reinhardt zuletzt verändert: 13.06.2012 16:22

Location

Level 14

Franklyn hielt die Augen offen nach Dieben und anderen zwielichtigen Gestalten, während er durch die Korridore von Level 14 trabte. In letzter Zeit war es mit diesem Stockwerk ziemlich bergab gegangen. Immer mehr Gauner und Penner hatten sich hier angesiedelt, und die gesamte Infrastruktur, einschließlich der Lebenserhaltungssysteme, war sträflich vernachlässigt. Man munkelte sogar, dass es Mutanten aus den Lower Levels bis hier herauf geschafft hatten.

Zum Vergnügen wäre Franklyn bestimmt nicht hier her gekommen. Er brauchte etwas. Auf Level 8 hatte einer der Luftfilter den Geist aufgegeben, und hier unten gab es angeblich jemanden, der ein passendes Ersatzteil besorgen konnte. Sicherheitshalber hatte Franklyn noch auf Level 10 vorbei geschaut und beim Tech seines Vertrauens eine kleine Modifikation an seiner Waffe vornehmen lassen, die ihre Durchschlagkraft etwas erhöhen sollte. Nur zur Sicherheit.

Eine Weile war er durch menschenleere Korridore gegangen, in denen der Müll teilweise knöcheltief stand. Dann hatte er eine Sicherheitstür passiert, hinter der ihn übergangslos eine Menschenmenge erwartet hatte. Wie überall auf der Station war es ein kunterbunter Haufen, nur hier vielleicht weniger schillernd als auf anderen Levels. Jeder trug am Leib, was er eben beschaffen hatte können. Die meisten Kleidungsstücke waren abgetragen oder zerrissen. Auch die bescheidenen Statussymbole wie Schweißerbrillen oder gar schusssichere Westen hatten schon bessere Tage gesehen. Franklyn achtete nicht weiter darauf. Niemanden auf Procyon überraschten solche Anblicke mehr. Er verwendete seine Aufmerksamkeit stattdessen darauf, sich von den verdächtig aussehenden Subjekten fern zu halten, um ihnen keine Gelegenheit zu bieten, sich an seinen Taschen gütlich zu tun.

Er kam an eine Kreuzung, auf der einige Männer standen und diskutierten - vielleicht ging es um einen Handel - und versuchte gerade, sich zu erinnern, in welche Richtung er weiter gehen musste, als plötzlich die Beleuchtung erlosch und einen Augenblick später durch das Dämmerlicht der Notlampen ersetzt wurde. Eine weitere Sekunde später ertönten Alarmsirenen, und die vertraute Stimme der Stations-KI ließ sich vernehmen: "Warning! Pressure loss on Level 14 - evacuate immediately!" Franklyn hörte Schreie hinter und neben sich, und plötzlich schien sich jeder in eine andere Richtung in Bewegung zu setzen. Er fluchte und begann sich durch die hin und her laufenden Menschen zurück in die Richtung aus der er gekommen war zu kämpfen. Er kam voran, wenn auch nur äußerst langsam. Trotzdem verlor er nach kurzer Zeit die Orientierung. War er hier wirklich vorbeigekommen? An der nächsten Kreuzung verteilte sich der Menschenstrom zum Glück ein wenig. Franklyn sah sich kurz um und entschied sich dann für den linken Korridor. Nach wenigen Minuten wurde er belohnt: Etwa hundert Meter vor ihm war die Sicherheitstür, die er vor kurzem in die andere Richtung passiert hatte. Ein paar Leute waren gerade dabei, sie zu öffnen, während ein gutes Dutzend anderer sie mit mäßig hilfreichen Kommentaren eindeckte. Mit einem dumpfen Rattern öffnete sich die Tür und gab den Blick frei auf - das Grauen. Der Korridor wimmelte von Kreaturen, die vielleicht eigentlich Hunde hätten sein wollen, aber zu wenig Fell, zu viele Gliedmaßen und zu spitze Zähne hatten. Durch das Geräusch der Tür aufgeschreckt hatten sie sich in Richtung der Menschen gedreht und gingen sofort zum Angriff über. Einige der Menschen rannten so schnell sie konnten in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Andere holten Waffen hervor und begannen, auf die Bestien zu schießen oder einzuschlagen. Auch Franklyn zog seine kleine Plasmapistole mit der brandneuen Modifikation und eröffnete das Feuer. Als der erste der Mutantenhunde zu Boden ging fiel ihm die Splittergranate ein, die er für genau solche Gelegenheiten bei sich trug. Er riss sie aus einer Tasche seiner mitgenommenen Einsatzweste, zog den Pin, schrie "Fire in the Hole!" und schleuderte sie so weit er konnte den Korridor hinunter. Es gab einen ohrenbetäubenden Knall und eine heftige Druckwelle, und als sich der Rauch verzogen hatte lagen mindestens ein halbes Dutzend Monster reglos am Boden. Ein paar der Kämpfer ergriffen die Gelegenheit für einen Ausfall. Franklyn zögerte nicht und rannte mit ihnen den Korridor entlang. Die Kreaturen waren von der Explosion leicht betäubt. Franklyn feuerte im Vorbeilaufen mehrere Schüsse auf ein paar, die trotzdem gefährlich nahe kamen. Plötzlich waren sie durch. Sie rannten weiter, erreichten irgendwie die Schleuse und zwängten sich alle hinein. Irgendjemand hieb auf den Kugelknopf, und das gelbe Warnlicht darüber begann zu blinken. Einige quälend langsame Sekunden vergingen, in denen sich die Schleuse schloss. Endlich trafen die beiden Türhälften mit einem Zischen aufeinander. Es klang wie ein Aufatmen.

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