Zu viel

erstellt von Manuel Reinhardt zuletzt verändert: 16.07.2015 21:16

Aislinn lag auf dem Bett und wünschte sich, dass das Leben sie einfach mal in Ruhe lassen würde. Sie musste noch eine Präsentation für die Arbeit vorbereiten, im Badezimmer stapelte sich schmutzige Wäsche, und ihr Bruder hatte ihr das Versprechen abgerungen, sich bei ihm zu melden, aber sie hatte für nichts davon die nötige Energie. Als das kleine Ausrufezeichen, das sie erinnern wollte, sich bei Patrick zu melden, dezent aber doch unübersehbar in ihrem Gesichtsfeld aufgetaucht war, war das letzte bisschen Energie nur so aus ihr heraus geflossen und sie war nur noch aufs Bett gefallen und hatte sich das Kissen über den Kopf gezogen.

Das Gefühl war nicht neu. In letzter Zeit überkam es sie immer öfter. Es war einfach alles zu viel. Sie wollte nicht mehr. Es war einfach nur anstrengend. Sie hatte keine Lust mehr auf Dinge, die sie früher gern gemacht hatte. Und sie wollte auch mit niemandem reden. Außer vielleicht...

"Hi, Ash."

Ein kleines bisschen Energie kam zurück in Aislinns Glieder. Sie schob das Kissen weg und drehte den Kopf. "Hi, Gwen."

Gwendolin schien mitten in Aislinns Schlafzimmer zu stehen, aber natürlich war sie nur über das private CoRe-Layer der beiden zugeschaltet. Sie war zur Zeit die einzige, die ohne Aislinns ausdrückliche Bestätigung eine private Verbindung zu ihr aufbauen durfte.

"Keinen Bock heute, hm?" fragte Gwendolin mit einem schiefen Lächeln.

Aislinn schüttelte den Kopf.

"Die Stunde bei der Psycho-Frau war auch nicht so toll, hm?"

Aislinn seufzte. "Die scheint von mir zu erwarten, dass ich mir selber irgendwas ausdenke. Als ob ich dafür auch noch Nerven hätte."

Gwendolin zog die Augenbrauen hoch. "Oh Mann. Die ist ja lustig." Sie kam noch einen Schritt näher. "Jetzt mach' dir erst mal keinen Kopf" sagte sie während sie sich neben dem Bett auf den Boden setzte. "Soll ich dir ein Märchen erzählen?"

"Oh, ja" nickte Aislinn. Sie hatte schon als Kind Gwendolins Geschichten geliebt. "Märchen" nannte sie sie, aber sie waren meistens eine Mischung aus irgendwo aufgeschnappten Elementen und ihrer eigenen wilden Fantasie.

"Also gut. Hörst du die klagenden Laute, die vom Fluss her kommen? Das ist der Wind in den Weiden."

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Sebastian Schuster
Sebastian Schuster sagt
10.08.2015 23:16

eine einfacher PLotabschnitt und ein großartiger Schnipsel zugleich. Ich mag es, wie Du es schaffst, in wenigen Sätzen die Stimmung für eine Szene aufzubauen.

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